„Die Eroberung der beobachtenden Maschinen“ Arbeitstagung des DFG-Projekts „Das Auge des Arbeiters“

„Die Eroberung der beobachtenden Maschinen“
Arbeitstagung des DFG-Projekts „Das Auge des Arbeiters“

Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV)
Deutsche Fotothek / Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

Dresden, 16./17. April 2010

Seit Februar 2009 forscht eine Arbeitsgruppe am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) in Dresden im Rahmen des von der DFG geförderten Projekts „Das Auge des Arbeiters. Untersuchungen zur proletarischen Amateurfotografie der Weimarer Republik am Beispiel Sachsens“. Nach Abschluss des ersten Jahres sollen in einer Arbeitstagung bisherige Ergebnisse zur Diskussion gestellt werden.

Die Perspektivverlagerung der Geschichtswissenschaft von der Parteien- zur Alltagsgeschichte der Arbeiterbewegung, die Entwicklung aktueller Praxen von Medienamateuren im Internet und die Zuwendung der Volkskunde zur Fotografie haben neue Fragen und neue Aufmerksamkeiten für zwei miteinander verbundene Modernisierungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit sich gebracht: die Entwicklung der Amateurfotografenbewegung im proletarischen Milieu als eigensinnige Produktion und die zunehmend bildbewusste Propaganda der Arbeiterparteien. Diese Kulturen mittels sozialgeschichtlicher, fotohistorischer und volkskundlicher Zugangsweisen zu beschreiben, ist zentrales Anliegen der Projektarbeit.

Im Zusammenhang des DFG-Projekts wurden zwei wesentliche Bestände in öffentlichem Besitz erschlossen und solche aus Privatbesitz zugänglich. Gerade angesichts der asymmetrischen Überlieferung einer überwiegend mündlichen Kultur stellen diese Sammlungen eine einzigartige Quelle zum Selbstbild sozialer Unterschichten der Weimarer Republik dar. Ihre Erforschung zielt zugleich auf das Verstehen popularer Medienpraxis zwischen privatem Knipsen und größtmöglicher Publizität. Dabei wird der mikroskopische Blick auf die Rekonstruktion von Milieus und Bildbedeutungen erweitert um erstmalige Recherchen zur Thematik in Moskauer Archiven, mit Überlegungen zur Rezeption in der Nachkriegszeit verbunden sowie mit dem aktuellen Stand und den Perspektiven volkskundlicher Arbeitskulturenforschung ins Verhältnis gesetzt.

Programm

Freitag, 16. April 2010

  • Eröffnung und Einführung
  • Bernd Jürgen Warneken: Nicht erledigt. Fünf Thesen zur volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Arbeiterforschung
    Der Mauerfall brachte auch einen tiefen Fall der deutschen Arbeiterkulturforschung. Und dies interessanterweise nicht nur in Ost-, sondern auch in Westdeutschland. Die kurze Karriere dieses Forschungszweigs erwies sich als eng mit der politisch-ökonomischen
    Systemkonkurrenz verbunden. Sie brachte aber auch einen ostwestlichen Ideenaustausch, der beiderseits seine subversiven Komponenten hatte. Wurden in dieser Zeit Instrumente entwickelt und Ergebnisse geliefert, an denen eine aktualisierte Arbeiterforschung heute anknüpfen kann? Und darf man die heutige kulturwissenschaftliche Migranten- oder Prekariatsforschung als zeitgemäße Fortsetzung der früheren Arbeiterkulturforschung betrachten? Oder muss man sagen: „Etwas fehlt“?
  • Wolfgang Hesse: „Der Unterricht muß auch auf der Straße erteilt werden.“ Stadtraum – Bildraum – Schriftraum.
    In den Aufnahmen der proletarischen Fotoamateure erscheint die Stadt als belebter Raum. Sie ist nahezu synonym mit der „Straße“ als Lebensort, die zugleich metaphorisch für das politische Aufbegehren der Unterschichten steht. In diesem physischen und symbolischen Terrain bewegen sich alle Beteiligten auch medial. Im Fokus der Aufmerksamkeit des Vortrags steht der Eigensinn derjenigen, die sich den Standards der (bürgerlichen) Pressefotografie verweigerten. Diskutiert wird insbesondere, welche Qualitäten den Fotografien und deren betexteten Reproduktionen in Zeitschriften und Zeitungen als mentalitätsgeschichtlichen Quellen zukommen. Und nicht zuletzt macht ihre Analyse als Dokumente und zugleich als Indikatoren für die Medienkompetenz sowohl ihrer Hersteller wie ihrer Betrachter die Wirkung der Fotomontagen John Heartfields plausibel.
  • Ursula Schlude: „Es wäre uns peinlich, schlechte Fotos nach Deutschland zu schicken.“ Die Austauschbeziehungen zwischen deutschen und sowjetischen Arbeiterfotografen 1926 bis 1933.
    Der historisierende Blick auf die kurze Zeitspanne von 1926 bis 1933, während der deutsche Arbeiterfotografen ihren sowjetischen Kollegen begegnet sind – medial vermittelt oder besuchsweise –, und es zum inspirierenden Austausch kommen konnte, ist trotz zeitlicher Nähe nicht wirklich scharf zu stellen. Zu marginal scheint der Vorgang gewesen oder nach 1933 nicht mehr rekonstruierbar zu sein, wenn man von den Rückblicken absieht, die einige wenige Fotoamateure dieser Generation in Publikationen der DDR zu Papier brachten. Es bleiben als Fundorte der Überlieferung die Zeitschriften – in Deutschland „Der Arbeiter-Fotograf“, in der Sowjetunion „Sovetskoe Foto“ bzw. „Proletarskoe Foto“ – sowie die fragmentarische Dokumentation in Russland. Ergebnisse von Recherchen in Moskauer Archiven und Bibliotheken werden vorgestellt und auf bisherige Erkenntnisse über die kommunistische Fotoamateurbewegung bezogen, ihren Fixpunkten und Konjunkturen der ästhetisch-politischen Programmatik sowie den sowjetisch-deutschen Asymmetrien, wie sie etwa in den gegenseitig inspirierten Fotoreportagen über eine typische Arbeiterfamilie – in Moskau und Berlin 1931 – zum Ausdruck kamen.
  • Carsten Voigt: „Das Illustrierte Volksecho“. Eine Wochenzeitung der KPD Sachsens
    Obwohl sich der KPD-Bezirk Sachsen in großen finanziellen Schwierigkeiten befand, unternahm er 1931 den Versuch, eine illustrierte Wochenzeitung zu gründen – ein gewagtes Projekt mitten in der Wirtschaftskrise. Dennoch gelang es unter großen Anstrengungen, die Zeitung zu etablieren. Für die sächsischen Arbeiterfotografen bot sich dadurch eine neue Veröffentlichungsmöglichkeit an. In welchem Umfang tatsächlich Arbeiterfotografen am Illustrierten Volksecho mitwirkten, ob sie ihre selbst gestellten Ziele in der Zeitung verwirklichen konnten, was für Bilder zur Veröffentlichung gelangten und wie diese in Beziehung zum Text standen, will der Vortrag behandeln. Dazu soll eine kurze Inhaltsanalyse vorgenommen und näher untersucht werden, wie sich das Illustrierte Volksecho von der Arbeiter Illustrierten-Zeitung, aber auch von den kommunistischen Tageszeitungen in Sachsen unterschied.
  • Wilhelm Körner: „Wir sind das Auge unserer Klasse“, Köln 1980. Regie: Wilhelm Körner, Kamera: Jörg Bookmeyer, Ton: Anke Apelt, 16 mm, 45 min., Farbe.
    Der Film entstand im Rahmen einer Sendereihe des Westdeutschen Rundfunks (Redaktion Kultur und Politik/Medienkritik, Ludwig Metzger) zur Kultur der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik. Er lässt einige der Protagonisten der Arbeiterfotografen-Bewegung berichten, vor allem Erich Rinka, den Reichssekretär der Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands. Erzählt wird aus der Perspektive der Mitte der 1970er Jahre in der Bundesrepublik aufkommenden linken, gewerkschaftlich orientierten Fotografenbewegung, die sich dann auch „Arbeiterfotografen“ nannten: Ein junger Fernmeldetechniker, Mitglied der Essener Gruppe, entschließt sich nach einer Begegnung mit Theo Gaudig, einem ehemaligen Dreher bei Krupp und Arbeiterfotograf, Erich Rinka in Ostberlin zu besuchen, um mehr über die Arbeitsweisen und Zielsetzungen, die Gestaltungsfragen und ästhetischen Diskussionen der Arbeiterfotografen der Weimarer Republik zu erfahren.
  • Peter Badel: Arbeiterfotograf. Potsdam 1979. Regie: Peter Badel, Kamera: Prashant Chandar Bajpai, 35 mm, 29 min., Farbe.
    1979 konnte Peter Badel im Rahmen seines Studiums einen Dokumentarfilm über Ernst Thormann drehen, der als Reichsbildwart der Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands aktiv gewesen war: Thormann war verbittert, weil die Arbeiterfotografie in der DDR zu Propagandazwecken stilisiert und nicht etwa zur Popularisierung von Konflikten genutzt wurde. Das Propagandistische war ihm nicht fremd, aber eigentlich war er eher ein
    stiller Beobachter und eben auch ein leiser Fotograf – in erster Linie vom Leben auf der Straße, von Zigeunern und dem Leben im Berliner Scheunenviertel. Wenn man den Film „Arbeiterfotograf“ heute sieht, dann hat er viel mit der Utopie von Kommunismus oder Sozialismus zu tun, der Film ist aber in keiner Weise irgendwelchen DDR-politischen Zwängen angepasst gewesen: Er war kein Auftragsfilm und wurde auch nicht redaktionell
    beaufsichtigt, sondern komplett innerhalb der Kameraabteilung der HFF organisiert und realisiert; später zeigten ihn die Leipziger Dokwoche und das DDR-Fernsehen. Aus dieser Dokumentation ist eine jahrelange enge Bindung entstanden und 1984 hat Peter Badel den fotografischen Nachlass des Ehepaars Thormann übertragen bekommen.

Samstag, 17. April 2010

  • Joachim Schindler: „…die Nützlichkeit wirklich guter Landschaften…“. Zur Arbeit der Fotosektionen bei den sächsischen Naturfreunde-Ortsgruppen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.
    Am 8. Juli 1909 wurde in Dresden die erste sächsische Ortsgruppe des Touristenvereins „Die Naturfreunde“ (TVDN) gebildet. Von Beginn an verstanden sich die Naturfreunde als internationale proletarische Kultur-, Bildungs- und Touristen-Organisation. In den fünf Jahren bis zum Ersten Weltkrieg wurden in der Dresdner Ortsgruppe 14 „Vorträge mit Lichtbildern“ veranstaltet, und zur Förderung der Bildungsarbeit konstituierte sich bereits 1911 die Fotosektion. Zum Ende des Jahres 1922 bestanden in vier größeren sächsischen Ortsgruppen Abteilungen bzw. Fachgruppen für Fotografie. Der Vortrag rekonstruiert deren Arbeit und stellt dabei auch die politischen Auseinandersetzungen bis hin zu Spaltungen innerhalb der Organisation zu Ende der Weimarer Republik dar. Mit der Besetzung des Dresdner Volkshauses im März 1933 und dem Verbot bzw. der Auflösung des TVDN endete dieses Kapitel organisierter Naturfreunde-Fotoarbeit.
  • Jens Bove, Sylvia Ziegner: Beruf: Arbeiterfotograf. Zum Werk und zur Rezeption von Richard Peter sen. (1895-1977)
    Die Arbeiterfotografie der Weimarer Republik wird gemeinhin als Produkt politisch und sozial engagierter Amateure definiert, die aus der Perspektive des Arbeiters agieren. Neben zahlreichen, heute meist unbekannten Laien gehörten zu deren exponiertesten Vertretern aber auch Berufsfotografen wie Richard Peter, der seit etwa Mitte der 1920er Jahre – wenigstens streckenweise – hauptberuflich als Fotograf und Bildjournalist gearbeitet hat, später durch auflagenstarke Bildbände wie „Dresden – eine Kamera klagt an“ (1950) Erfolge verbuchen konnte, und schließlich im Zuge der Aufwertung der Fotografie in den siebziger Jahren Eingang in den Kanon des „Nationalen Kulturerbes der DDR“ gefunden hat. Zu untersuchen ist einerseits, ob oder inwieweit eine professionelle Herangehensweise die Arbeitspraxis und Bildästhetik seiner Vorkriegsaufnahmen kennzeichnet, und andererseits, welche Rolle sein Status als Arbeiterfotograf, also als Protagonist eines in den 1950er und 60er Jahren überwiegend als abgeschlossen betrachteten Kapitels, für seine späteren Arbeiten, sein Selbstverständnis und für seine politisch-offizielle Würdigung wie für seine Rezeption gespielt hat.
  • Jörg Boström: Schatten im Licht. Kunst und Politik in der Fotografie von Walter Ballhause.
    In Plauen im Vogtland – Walter Ballhause Archiv – werden die Negative des Arbeiterfotografen Walter Ballhause aufbewahrt, die um 1930 in Hannover entstanden sind, dazu Bilder und Negative aus seiner Arbeit 1954 bis 1990. Man erkennt Ballhauses Interesse an der Grafik seiner Zeit wieder. Aber er setzt nicht bestehende Kunst um in Fotografie, sondern schafft neue Bilder sozialer Wirklichkeit. Er setzt die Menschen ins Licht. Die Arbeitslosen, die „Überflüssigen Menschen“, wie ein Buch von ihm betitelt ist. Sie werfen schwere, lange Schatten. Nach dem Kriege in Plauen, DDR: Die politischen Verhältnisse sind verändert und mit ihnen sein Bildstil. Arbeiterporträts entstehen in offenem Blickkontakt. Ernste, nachdenkliche Menschen, an welchen der Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft noch in Spuren auf den Gesichtern und in der Körperhaltung erkennbar ist. Walter Ballhause formt auch hier gesellschaftliche Entwicklungen zu Bildern. Für den erwarteten Aufbauoptimismus der 50er Jahre in der DDR fehlt ihm der Wille zur Illusion. Er bleibt Realist.
  • Sylvia Metz: Geschichts-Bilder. Zum Fotografiebestand des Museums für die Geschichte der Arbeiterbewegung im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig.
    Der fotografische Bestand des Leipziger Museums für die Geschichte der Arbeiterbewegung wurde zwischen 1954 und 1986 gebildet. Er ist heute in der Fotothek im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig eingelagert und umfasst etwa 14.000 Aufnahmen. Nach intensiver Sichtung, thematischer Sortierung und Eingrenzung in den Zeitraum von 1918 bis 1938 erwiesen sich etwa 1.800 Objekte für das Projekt „Das Auge des Arbeiters“ als unmittelbar von Belang. Diese Aufnahmen wurden inhaltlich erschlossen, digitalisiert und in die Datenbank des Museums eingearbeitet. Es soll ein Überblick darüber gegeben werden, was von wem und wie fotografiert sowie welche Fotografien dann 25 Jahre später gesammelt und nach welchen Kriterien archiviert wurden.
  • Schlussdiskussion
    Diskutant: Timm Starl
  • Jens Bove: Führung durch die Deutsche Fotothek
    Die Deutsche Fotothek gehört mit ihren über 3 Millionen Aufnahmen zu den großen Bildarchiven. Traditionelle Sammelschwerpunkte sind Kunst und Architektur sowie die Regionalgeschichte Sachsens. Anfang der 1980er Jahre wurde dieses Profil um die Schwerpunkte Technik- und Musikgeschichte erweitert, außerdem um sozialdokumentarische und Pressefotografie. In den vergangenen Jahren sind umfangreiche Bestandsgruppen konservatorisch behandelt, digitalisiert und in der Datenbank verfügbar gemacht worden, darunter in Kooperation mit dem ISGV die 1982/83 erworbenen Nachlässe von Arbeiterfotografen, die unter http://arbeiterfotografie.deutschefotothek.de frei zugänglich sind.
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